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Adherence-Therapie

Adherence-Therapie

Tagesraum der Komfortstation: Angenehmer Aufenthalt auf unseren Stationen
Tagesraum der Komfortstation: Angenehmer Aufenthalt auf unseren Stationen

Seit Herbst 2014 bieten wir auf den drei Stationen P3, der FO1 und der Komfortstation des LVR-Klinikum Essen die Adherence-Therapie an. Aktuell führen acht ausgebildete Pflegefachkräfte des LVR-Klinikum Essen die Adherence-Therapie durch.

Bei der Adherence-Therapie handelt es sich um eine strukturierte Intervention nach Gray & Robson. „Adherence (engl. für „festhalten“, „befolgen“), zu Deutsch Adhärenz, bezeichnet in der Medizin die Einhaltung der gemeinsam von Patient und Arzt gesetzten Therapieziele“ (Schulz, Stickling-Borgmann & Spiekermann, 2009, S. 227).

In der Adherence-Therapie geht es darum, dass das Behandlungsteam und die Patientinnen und Patienten einen gemeinsamen Weg finden, damit die Patientinnen und Patienten ihre Ziele erreichen können. Das Behandlungsteam bestärkt die Patienten und Patientinnen und macht sie zu Expertinnen und Experten ihrer Erkrankung.

Adherence ist nicht synonym zum Begriff Compliance. Compliance bedeutet Einverständnis oder Einhalten. Im therapeutischen Sinne meint es, dass sich die Patientinnen und Patienten kooperativ verhalten, also das tun, was die Behandelnden von ihnen verlangen. Demnach läge die Verantwortung für den Therapieerfolg nur bei den Patientinnen und Patienten.

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Ziel der Adherence-Therapie

Ziel der Adherence-Therapie ist es, sich mit den Werten und Überzeugungen eines Menschen in Bezug auf die Therapiemotivation auseinanderzusetzen. Es wird ein Arbeitsbündnis geschaffen, das es den Patientinnen und Patienten ermöglicht, ihre Verhaltensweisen zu überdenken. So sollen sie fundierte und eigenständige Entscheidung treffen können.
Häufig wird die Intervention angewendet, wenn Patientinnen und Patienten in Bezug auf Medikamente ambivalent sind. Viele Patientinnen und Patienten wünschen sich, keine oder weniger Medikamente einnehmen zu müssen. Hier eignet sich die Adherence-Therapie als psychiatrisch-pflegerisches Angebot, um mit den Patientinnen und Patienten ins Gespräch zu kommen und Unsicherheiten und Vorutreile aus dem Weg zu räumen.
Die Intervention kann auch angewendet werden, wenn Unsicherheiten auf Veränderungen, wie z.B. Motivation zur sportlichen Aktivität, Gewichtsreduktion oder Nikotinentwöhnung bei den Patientinnen und Patienten bestehen. Die Adherence-Therapeutinnen und Therapeuten achten darauf, dass Patientinnen und Patienten die Therapieziele möglichst einfach erreichen können.
Die Intervention bleibt stets ergebnisoffen.

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Wer kann die Adherence-Therapie durchführen?

Logo Dachverband Adherence
Logo Dachverband Adherence

Alle an der psychiatrischen Behandlung Beteiligten (Pflegefachkräfte, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter) können die Adherence-Therapie durchführen. Die Fachkräfte müüsen dafür eine Fortbildung absolvieren.

Adherence-Therapeutinnen und Therapeuten sollten zudem über hohe interpersonelle Fähigkeiten verfügen und in der Lage sein, Widerstände bei den Patientinnen und Patienten zu erkennen. Es ist von Vorteil, sich mit unterschiedlichen Kommunikationsformen und der eigenen Einstellung zu Psychiatrie-Patientinnen und Patienten zu beschäftigen. Die Fähigkeit zur „motivierenden Gesprächsführung“ ist eine wesentliche Voraussetzung.

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Die 4 Phasen der Adherence-Therapie

Bild zeigt Modell der Adherence-Therapie
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Modell der Adherence-Therapie

Die Kennenlernphase:
Die Kennenlernphase schafft die erste Basis für einen gemeinsamen Therapieweg. Für die nächsten Therapieschritte ist es notwendig, eine Vertrauensbasis mit respektvollem und wertschätzendem Umgang zu schaffen.

Die Assessmentphase:
In ein bis zwei Sitzungen können die Patientinnen und Patienten über ihre bisherigen Therapieerfahrungen sprechen und Unsicherheiten äußern. Die Therapeutinnen und Therapeuten besprechen Aussagen und Annahmen wie „Medikamente sind das reinste Gift“ mit ihnen und prüfen so die Einstellung der Patientinnen und Patienten zu bestimmten Therapiemaßnahmen. Wenn die Patientinnen und Patienten etwa unsicher sind, ob Medikamente helfen, können die Therapeutinnen und Therapeuten im Verlauf der Therapie genauer auf diese Ambivalenz eingehen.

Die therapeutische Phase:
Nach dem Assessment beginnt die therapeutische Phase, die aus verschiedenen Bausteinen besteht: Problemlösung:
Hier geht es darum, die alltäglichen Probleme der Patientinnen und Patienten zu besprechen und zu bearbeiten. Das können Probleme wie hohe Rezeptkosten, weite Anfahrtswege zum behandelnden Psychiater/zur behandelnden Psychiaterin etc. sein. Gemeinsam überlegen die Therapeutinnen und Therapeuten und Patientinnen und Patienten, welche Probleme wie gelöst werden können.

Ambivalenzen heraus- und bearbeiten:
Häufig regt es die Patientinnen und Patienten zum Nachdenken an, wenn die Probleme und Unsicherheiten gemeinsam thematisiert werden. Das gemeinsame Abwägen von Für und Wider möglicher Lösungen vermittelt den Patientinnen und Patienten, dass sie mit- und widersprechen können.

Annahmen und Einstellungen besprechen:
Die Annahmen und Einstellungen der Patientinnen und Patienten sind im besten Falle bereits im Assessment sichtbar geworden und können in einem weiteren Gespräch konkretisiert und besprochen werden. Wenn die Patientinnen und Patienten etwa absolut davon überzeugt sind, dass Medikamente pures Gift seien, ist eine weitere Diskussion darüber nicht sinnvoll. Es geht schließlich nicht darum, die Patientinnen und Patienten von der Meinung der Therapeutinnen und Therapeuten zu überzeugen. Wenn die Patientinnen und Patienten allerdings äußern, dass sie sich im Bezug auf eine medikamentöse Behandlung nicht sicher sind, kann man konkreter besprechen, was dafür oder dagegensprechen könnte.

Blick nach vorne:
Hier geht es um die Wünsche und Ziele der Patientinnen und Patienten. Die Adherence-Therapeutinnen und Therapeuten erarbeiten mit den Patientinnen und Patienten möglichst erreichbare Ziele. Dies können zu Beginn zunächst Teilziele sein. Die Gesprächspartner sollten sich überlegen, ob und welche Hindernisse es auf dem Weg zum Ziel geben könnte und welche Strategie dann helfen könnte, diese zu überwinden.

Rückblick:
Die vergangene Zeit Revue passieren lassen. Was ist seit Beginn der Erkrankung passiert? Die Patientinnen und Patienten können ihre Wahrnehmungen und Interpretationen der bisherigen Behandlungsmaßnahmen und -erfahrungen mitteilen. Die Adherence-Therapeutinnen und Therapeuten legen dabei den Fokus auf positive Dinge, damit die Patientinnen und Patienten nicht nur an negative Erlebnisse denken. Während der Therapiephase ist es empfehlenswert, die Patientinnen und Patienten nach dem stationären Aufenthalt ein- bis zweimal zu Hause zu besuchen. Dort zeigen sich meist die zuvor besprochenen praktischen Probleme oder es tauchen neue auf. So können die Therapeutinnen und Therapeuten gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten alltagstaugliche Lösungen finden und besprechen.
Als Gast bei den Patientinnen und Patienten zu Hause können die Adherence-Therapeutinnen und Therapeuten neue Eindrücke gewinnen. Die Adherence-Therapeutinnen und Therapeuten können mögliche Schwierigkeiten besser eingeschätzten und die Ansichten der Patientinnen und Patienten besser nachvollziehen.

Evaluationsphase:
In der letzten Sitzung besprechen die Adherence-Therapeutinnen und Therapeuten mit den Patientinnen und Patienten die Intervention und fassen positive sowie negative Aspekte zusammen. Zudem evaluieren die Therapeutinnen und Therapeuten mit den Patientinnen und Patienten, ob die vereinbarten Ziele erreicht wurden.

Weiterführende Informationen und Beispielvideos der Adherence-Therapie finden Sie auf der Website des LVR-Klinikverbunds

Literaturangaben:
Gray, R.; Robson, D. (2008): Adherence-Therapie. Manual Version 1.1. Ein Handbuch für Professionelle in Psychiatrischen Einrichtungen. Deutsche Übersetzung von Schulz, M.; Große, S.; Ratzka, S.; Dorgerloh, S. und Abderhalden, C. Unveröffentlicht.

Schulz, M.; Stickling-Borgmann, J. und Spiekermann, A. (2009): Professionelle Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege am Beispiel der Adhärenz-Therapie. In: Psych Pflege 15 (05), S. 226-231.

Needham, I. und Schulz, M. (2011): Adhärenz. In: D. Sauter (Hg): Lehrbuch psychiatrische Pflege. 3., vollst. überarb. u. erw. Aufl. Bern: Huber (Verlag Hans Huber: Programmbereich Pflege), S. 608-618.

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